TOM GRUNDMANN | Schiesser Revival 130

Tom Grundmann | Portrait Photo: Stefan TuschyTom Grundmann war 16, als er in einem Videoclip auf MTV einen tätowierten Musiker sah und sich dachte, dass er unbedingt ein Tattoo brauche. Er sparte Geld, landete bei „Elektrische Tätowierungen“ in Köln-Mülheim und ließ sich sein erstes Motiv stechen. Mittlerweile arbeitet er selbst seit 14 Jahren in genau jenem Studio und ist einer der bekanntesten Tätowierer Deutschlands. Mit 19 besuchte er für ein halbes Jahr die Kunstakademie, musste jedoch schnell feststellen, dass die Künstlerposen, die dort an den Tag gelegt wurden, nicht die seinen waren. Dieter, seit 1983 Inhaber des Mülheimer Studios, interessierte sich für den talentierten Tom und bot ihm eine Ausbildung an. Wie das Leben so spielt, hat Tom mittlerweile mehrfach in der Galerie Susanne Zander in Köln Aquarellarbeiten ausgestellt und bereitet gerade eine Gruppenausstellung zur Art Cologne vor. Hier werden einige der bekanntesten Tätowierer Deutschlands ihre Arbeiten präsentieren. Mit von der Partie übrigens auch Hennes von „Fine Line“ in Düsseldorf, der erst kürzlich die neuen Feuerzeug Prints für Carhartt entworfen hat. Grundmann wiederum zeichnet für die Printgrafiken der aktuellen „Schiesser Revival 130“ Kollektion verantwortlich, mit der das Unternehmen seinen 130. Geburtstag feiert. Im Mittelpunkt dieser limitierten Kollektion steht der Totenschädel. Eine etwas morbide Art, ein Jubiläum zu begehen, möchte man meinen.


Wie bist du denn an deine Arbeit für Schiesser herangegangen und gab es Vorbehalte gegen deine Ideen?

Ich habe Klassiker der Tätowierkunst ausgewählt. Das Grundmotiv ist der Tod. Ich hatte absolut freie Hand bei meiner Arbeit, ansonsten hätte ich das nicht gemacht. Ich bin an den Auftrag genauso herangegangen, wie an meine Kunst. Man muss sich im Vorfeld jeden Schritt überlegen und wenn es ineinander greift, wird es gut. Oder wie in der Mathematik: Wenn bei einer Aufgabe einer der Faktoren Null ist, dann ist das Ergebnis auch gleich Null. Wären von Schiesser Einwände gekommen, wäre genau das der Faktor Null gewesen. Das ist nicht geschehen. Von Schiesser finde ich es wirklich mutig, meine Entwürfe zu transportieren.

Siehst du eine Verbindung zwischen Schiesser und deiner Arbeit?

Wenn man möchte, handelt es sich um eine doppelte Wiederauflage von Klassikern. Schiesser Revival sind Klassiker, es dreht sich dabei um Modelle und Herstellungsweisen, die zum Teil aus den 20er und 30er Jahren stammen. Das trifft auch auf die Motive zu, die ich ausgesucht habe. Da schließt sich ein Kreis. Klasse finde ich, dass man auf jedes Wäschestück zwei Jahre Garantie hat. Klassisch, gerade, funktional und ohne Spökes. Wie eine gute Tätowierung. Qualität setzt sich eben durch. Das war für mich mit Ausschlag gebend.

Trägst du selbst Schiesser Wäsche?

Ehrlich gesagt nicht die von mir gestalteten Teile. Aber ich habe schließlich schon genug Tattoos auf meiner Haut. Das wäre mir zu viel. Die anderen Sachen aber gerne. Wobei mir die Umsetzung meiner Motive auf der Wäsche wirklich gut gefällt. Der Tod und die damit verbundenen Symbole wie der Schädel sind ein zentrales Thema für mich. Ich denke, wenn sich mehr Leute über den Tod im klaren wären, würde einiges im Leben bewusster laufen. Es ist lebensbejahend, sich mit dem Tod auseinander zu setzen.

Was bedeutet der Tod für dich? Wie sieht deine Auseinandersetzung aus?

Ich beschäftige mich stark mit Religion, auch mit Buddhismus. Es gibt eine Meditation, die sich Todesmeditation nennt. Du durchläufst gedanklich drei Phasen. 1. Die einzige Gewissheit ist der Tod. 2. Nur der Zeitpunkt des Todes ist ungewiss. 3. Was soll ich also tun? Für mich stellt das eine Besinnung dar, die unabhängig von der Religionszugehörigkeit stattfindet. Du stirbst irgendwann und letzten Endes ist dein ganzes Leben auf den Tod ausgerichtet. Das ist auf jeden Fall und für jeden Menschen ein Fakt. Es ist die einzige Tatsache, die für alle Menschen gleich ist. Jeder muss für sich entscheiden, was es für ihn bedeutet. Für mich ist es wichtig, gelebt zu haben. Nehmen wir den Katholizismus: Eine katholische Definition von Sünde ist, dass es sie nicht gibt. Alles wurde mit dem Tode Jesus vergeben, denn er starb für unsere Sünden. Aber trotzdem haben wir ein Gewissen, ein Schuldbewusstsein. Warum eigentlich? Für mich verhält es sich so, dass die Ursünde darin liegt, sein Leben zu vergeuden.

Bist du religiös?

Ja, bin ich. Ich bin mit 25 wieder in die katholische Kirche eingetreten, weil ich gemerkt habe, dass die Religion einer von den beiden Körpern ist, aus denen ich komme. Zum einen bin ich deutsch und zum anderen bin ich katholisch. Zwei unangenehme Körper. Wenn man klug ist, bricht man mit beiden mal. Man muss sich fragen, was bedeutet es, Deutscher zu sein? Als Deutscher bist du zunächst immer auf die Zeit zwischen 33 und 45 festgenagelt. Ich habe keine politischen Anliegen, also konnte ich mich davon auch befreien. Es hat mir die Möglichkeit eröffnet, mich mit deutscher Maltradition zu beschäftigen. Ich finde es wunderbar, was in Deutschland gemalt wurde. Matthias Grünewald ist Bombe. Mit dem Katholizismus verhält es sich ähnlich. Als Katholik ist man erstmal ein papsttreuer Otto. Aber mir hat die katholische Kirche gut getan. Ich war früher Messdiener und mochte die Messe. Und ich habe für mich festgestellt, dass ich von dem Augenblick, an dem ich ausgetreten bin, auch mein Recht verwirkt habe, Kritik gegen die Kirche zu äußern.

Du bezeichnest dich als wertkonservativ. Was genau meinst du damit? Und wie spiegelt sich das in deiner Arbeit als Tätowierer wieder?

Mit dem Tätowieren versucht man, etwas Bleibendes zu schaffen. Es stellt einen Wert da. Stell dir vor, in den 20er und 30er Jahren haben die meisten Tätowierer entweder im Anzug oder sogar im weißen Kittel gearbeitet. Das steht für Seriosität. Es gab einen verantwortungsvollen Umgang mit der Tradition. Vielleicht hat die Optik manchmal gelitten, weil die Leute künstlerisch nicht sehr geschult waren, aber es lief mit einem gewissen Ernst ab. Die westliche Tradition lebt sehr von den Tätowierungen der Seefahrer. Ein Seemann ließ ein Schiff mit einer Banderole tätowieren, in der sein Heimathafen stand. Ging der Seemann über Bord, konnte man ihn daran identifizieren. Hat ein Seefahrer zum ersten Mal den Äquator überquert, dann wurde ihm eine Weltkugel mit dem Äquator und dem Datum der Überquerung gestochen. Die Motive hatten eine Bedeutung.

Es sind also die Symbole der westlichen Tattoo Tradition, die dich inspirieren. Gibt es eine bestimmte Szene, der du dich zugehörig fühlst?

Man kann sicher nicht von der Tätowierszene sprechen. Es gibt da die Biker, die modernen Primitiven, die Rock'n'Roller und viele andere. Die Leute, mit denen ich Kontakt habe, sind wohl etwas wie Symbolisten. Es geht um den Symbolschatz, der in unserem Kulturkreis entstanden ist. Wir interessieren uns zwar auch für andere Tattoo-Traditionen z. B. für die japanische. Aber da fehlt mir zumindest ein fundiertes Wissen. Ich steche einige Klassiker wie Fische oder Drachen, welches Motive aus dem japanischen Kulturkreis sind und weiß dann auch, wofür sie stehen. Im Grunde beschäftige ich mich im wesentlichen mit westlicher Tätowierkunst. Ich habe nicht den Eindruck, dass ich schon alles ausgeschöpft habe. Und mit den vorhandenen Motiven, rund 20 Stück, kann man alles formulieren, was man ausdrücken möchte. Ich sehe mich da noch lange nicht am Ende.


www.schiesser.com | www.elektrische-taetowierungen.com
Text & Interview: Cynthia Blasberg | Portrait Photo: Stefan Tuschy