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Ich habe Klassiker der Tätowierkunst ausgewählt. Das Grundmotiv ist der Tod. Ich hatte absolut freie Hand bei meiner Arbeit, ansonsten hätte ich das nicht gemacht. Ich bin an den Auftrag genauso herangegangen, wie an meine Kunst. Man muss sich im Vorfeld jeden Schritt überlegen und wenn es ineinander greift, wird es gut. Oder wie in der Mathematik: Wenn bei einer Aufgabe einer der Faktoren Null ist, dann ist das Ergebnis auch gleich Null. Wären von Schiesser Einwände gekommen, wäre genau das der Faktor Null gewesen. Das ist nicht geschehen. Von Schiesser finde ich es wirklich mutig, meine Entwürfe zu transportieren.
Wenn man möchte, handelt es sich um eine doppelte Wiederauflage von Klassikern. Schiesser Revival sind Klassiker, es dreht sich dabei um Modelle und Herstellungsweisen, die zum Teil aus den 20er und 30er Jahren stammen. Das trifft auch auf die Motive zu, die ich ausgesucht habe. Da schließt sich ein Kreis. Klasse finde ich, dass man auf jedes Wäschestück zwei Jahre Garantie hat. Klassisch, gerade, funktional und ohne Spökes. Wie eine gute Tätowierung. Qualität setzt sich eben durch. Das war für mich mit Ausschlag gebend.
Ich beschäftige mich stark mit Religion, auch mit Buddhismus. Es gibt eine Meditation, die sich Todesmeditation nennt. Du durchläufst gedanklich drei Phasen. 1. Die einzige Gewissheit ist der Tod. 2. Nur der Zeitpunkt des Todes ist ungewiss. 3. Was soll ich also tun? Für mich stellt das eine Besinnung dar, die unabhängig von der Religionszugehörigkeit stattfindet. Du stirbst irgendwann und letzten Endes ist dein ganzes Leben auf den Tod ausgerichtet. Das ist auf jeden Fall und für jeden Menschen ein Fakt. Es ist die einzige Tatsache, die für alle Menschen gleich ist. Jeder muss für sich entscheiden, was es für ihn bedeutet. Für mich ist es wichtig, gelebt zu haben. Nehmen wir den Katholizismus: Eine katholische Definition von Sünde ist, dass es sie nicht gibt. Alles wurde mit dem Tode Jesus vergeben, denn er starb für unsere Sünden. Aber trotzdem haben wir ein Gewissen, ein Schuldbewusstsein. Warum eigentlich? Für mich verhält es sich so, dass die Ursünde darin liegt, sein Leben zu vergeuden.
Ja, bin ich. Ich bin mit 25 wieder in die katholische Kirche eingetreten, weil ich gemerkt habe, dass die Religion einer von den beiden Körpern ist, aus denen ich komme. Zum einen bin ich deutsch und zum anderen bin ich katholisch. Zwei unangenehme Körper. Wenn man klug ist, bricht man mit beiden mal. Man muss sich fragen, was bedeutet es, Deutscher zu sein? Als Deutscher bist du zunächst immer auf die Zeit zwischen 33 und 45 festgenagelt. Ich habe keine politischen Anliegen, also konnte ich mich davon auch befreien. Es hat mir die Möglichkeit eröffnet, mich mit deutscher Maltradition zu beschäftigen. Ich finde es wunderbar, was in Deutschland gemalt wurde. Matthias Grünewald ist Bombe. Mit dem Katholizismus verhält es sich ähnlich. Als Katholik ist man erstmal ein papsttreuer Otto. Aber mir hat die katholische Kirche gut getan. Ich war früher Messdiener und mochte die Messe. Und ich habe für mich festgestellt, dass ich von dem Augenblick, an dem ich ausgetreten bin, auch mein Recht verwirkt habe, Kritik gegen die Kirche zu äußern.
Mit dem Tätowieren versucht man, etwas Bleibendes
zu schaffen. Es stellt einen Wert da. Stell dir vor, in den 20er
und 30er Jahren haben die meisten Tätowierer entweder im
Anzug oder sogar im weißen Kittel gearbeitet. Das steht
für Seriosität. Es gab einen verantwortungsvollen Umgang
mit der Tradition. Vielleicht hat die Optik manchmal gelitten,
weil die Leute künstlerisch nicht sehr geschult waren, aber
es lief mit einem gewissen Ernst ab. Die westliche Tradition
lebt sehr von den Tätowierungen der Seefahrer. Ein Seemann
ließ ein Schiff mit einer Banderole tätowieren, in
der sein Heimathafen stand. Ging der Seemann über Bord,
konnte man ihn daran identifizieren. Hat ein Seefahrer zum ersten
Mal den Äquator überquert, dann wurde ihm eine Weltkugel
mit dem Äquator und dem Datum der Überquerung gestochen.
Die Motive hatten eine Bedeutung.
Man kann sicher nicht von der Tätowierszene sprechen. Es gibt da die Biker, die modernen Primitiven, die Rock'n'Roller und viele andere. Die Leute, mit denen ich Kontakt habe, sind wohl etwas wie Symbolisten. Es geht um den Symbolschatz, der in unserem Kulturkreis entstanden ist. Wir interessieren uns zwar auch für andere Tattoo-Traditionen z. B. für die japanische. Aber da fehlt mir zumindest ein fundiertes Wissen. Ich steche einige Klassiker wie Fische oder Drachen, welches Motive aus dem japanischen Kulturkreis sind und weiß dann auch, wofür sie stehen. Im Grunde beschäftige ich mich im wesentlichen mit westlicher Tätowierkunst. Ich habe nicht den Eindruck, dass ich schon alles ausgeschöpft habe. Und mit den vorhandenen Motiven, rund 20 Stück, kann man alles formulieren, was man ausdrücken möchte. Ich sehe mich da noch lange nicht am Ende.
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